Machen wir uns nichts vor. Es sind schwierige und vor allem für die meisten in Deutschland neue und ungewohnte Zeiten. Das Coranavirus (genaugenommen COVID-19) hat unseren Alltag gehörig durcheinander gewirbelt. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Warum jetzt auf einmal bei uns?

Die Überraschung über die Notwendigkeit der Maßnahmen kann ich eigentlich nicht so richtig verstehen. Die Infektionen sind mit Ansage bei uns angekommen und haben sich ausgebreitet. In Asien, allen voran China und Südkorea, konnte man in den letzten Wochen sehr gut beobachten, was passieren kann und/oder noch passieren wird und welche Maßnahmen dann nötig sein werden.
Nachdem die alte Strategie der Isolation vereinzelter Infektionen nicht mehr zu halten ist, geht es seit einer Woche auch bei uns in Deutschland darum, die Geschwindigkeit bei Verbreitung der Infektionen zu reduzieren. Durch die Verlangsamung der Infektionskurve soll dem Gesundheitssystem die Chance gegeben werden, mit der Situation fertig zu werden, um alle Patienten in der Art und Weise betreuen zu können, die notwendig ist. Wie gelingt uns das?

Wir müssen die sozialen Kontakte auf das absolute Minimum reduzieren

Social Distancing ist hierfür ein wichtiges Mittel. Umso weniger Menschen mit einander physischen Kontakt haben, oder die gleichen Dinge anfassen, umso schwerer wird es für das Virus, sich zu verbreiten.

Aus dem Englischen übersetzt: Soziale Distanzierung ist eine Reihe von nichtpharmazeutischen Maßnahmen zur Infektionskontrolle, mit denen die Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit gestoppt oder verlangsamt werden soll.
Quelle: Wikipedia

Hier findest Du eine anschauliche Darstellung der Infektionsverbreitung in unterschiedlichen Szenarien: https://www.washingtonpost.com/graphics/2020/world/corona-simulator

Ich bin ein großer Freund von schnellen und beherzten Maßnahmen. Im beruflichen Umfeld haben wir bei uns im Unternehmen auch schon sehr früh angefangen, die Kontakte einzuschränken, Reisen zu minimieren und primär aus den Homeoffices zu arbeiten. Ok, das ist für uns leichter, weil wir bei Qubidu schon seit Jahren verteilt arbeiten und alle Prozesse, Meetings, Boards und Pair-Programming konsequent digitalisiert und remotefähig gemacht haben. Das war nicht immer einfach und wir haben mit unseren Erfahrungen auch einiges an Lehrgeld gezahlt. Aber das soll jetzt hier nicht Thema sein. Ich werde hierzu in Kürze noch einen eigenen Artikel schreiben.

Mein Wunsch: Verstehen und umsetzen

Noch einmal. Social Distancing ist wichtig und bitte haltet Euch alle konsequent daran. Meiner Meinung nach suggeriert der Begriff Social Distancing allerdings auch etwas Falsches und betont möglicherweise ein Phänomen, welches wir in den letzten Tagen leider verstärkt beobachten.
Wir müssen zwar unsere physischen Kontakte soweit wie möglich reduzieren. Auch im familiären Umfeld. Gleichermaßen sollten wir aber auch in der Gesellschaft stärker zusammenrücken. Wir dürfen uns nicht auf einmal nur auf uns konzentrieren und dabei nur unsere eigene Sicherheit sowie unseren eigenen Vorteil sehen. Wir müssen gerade jetzt vermehrt für einander da sein, uns gegenseitig helfen und – wenn auch manchmal nur mental – uns gegenseitig unterstützen.

Nur Deppen um mich herum?

Ein ziemlich offensichtliches Beispiel sehen wir beim Einkaufen. Natürlich ist es erst einmal unverständlich, wenn man die leergekauften Regale sieht und kein Klopapier oder kein Mehl mehr bekommt. So unsolidarisch, wie „Hamsterkäufe“ sind, so falsch wäre es pauschal jeden, der in Sorge kauft, zum Deppen zu erklären.
Natürlich gibt es leider die Egoisten und Narzisten, die erst einmal und fast immer nur an sich denken. Es gibt aber auch viele, die eine persönliche Geschichte haben, die bewusst oder sogar unbewusst deren Handlungen beeinflusst.

Als ich gestern einkaufen war, wurde es mir an mir selbst ziemlich deutlich bewusst. Im ersten Moment waren andere Menschen im Supermarkt eine Bedrohung. Nur nicht zu nah kommen. Die könnten das Virus übertragen. Ist der Einkaufswagen sicher? Der hat drei Packungen Nudeln im Wagen und kauft anderen alles weg. Etc, etc…

Viele dieser Gedanken laufen unbewusst ab. Sie führen aber zu einer ungesunden Abgrenzung, einem Widerstand und möglicherweise sogar zu einer steigenden Aggression. Ich habe die wachsende Anspannung bei mir bemerkt, mich dann darauf eingelassen und genauer hingeschaut.

Natürlich ist es wichtig, Abstand zu den anderen Menschen zu  halten. Sich nicht ins Gesicht zu fassen, während man einen Einkaufswagen, der nicht desinfiziert ist, vor sich her schiebt. Und sich möglichst schnell danach die Hände zu waschen.
Das Problem ist doch aber eigentlich der Virus und nicht der andere Mensch.

Als ich mich nach einer kurzen Selbstreflektion umschaute, habe ich nicht mehr die Anderen als Bedrohung oder Konkurrenten gesehen. Ich habe Menschen gesehen, wie Du und ich. Menschen, die ähnlich verunsichert waren wie ich. Für die die Situation genauso fremd und ungewohnt war, wie für mich.
Sie hatten alle ihre eigenen Geschichten und ihre eigenen Sorgen, so wie ich.

Vielleicht gehörten sie sogar zu einer Risikogruppe und mussten trotzdem einkaufen. Vielleicht sorgten sie sich um Familienmitglieder in Risikogruppen. Oder sie arbeiten in Branchen, die auf einmal kein Geld mehr verdienen und sorgten sich darum, wie sie morgen ihren Lebensunterhalt bestreiten sollten.

Am Ende an der Kasse stand ich dann genau zwischen zwei Kunden des Supermarktes, bei denen mir noch einmal deutlich geworden ist, dass diese Menschen höchstwahrscheinlich aus Gegenden kommen, wo der Kampf um das eigene Überleben eine ganz andere Dramatik hat. Möglicherweise erinnern sie sich an vergangene Notsituationen oder alte Traumata übernehmen die unbewusste Kontrolle.
In diesem Moment war ich wirklich einfach nur froh, dass es uns noch so gut hier in Deutschland geht.

Worauf möchte ich eigentlich hinaus?

Ich möchte dafür werben, dass wir trotz Social Distancing stärker menschlich zusammenwachsen und stehen. Ich freue mich darüber, dass es immer mehr Aktivitäten in Nachbarschaften etc. gibt, wo die Menschen sich gegenseitig helfen. Das ist toll und wichtig. Lasst uns das unterstützen und mitmachen.
Ich möchte aber auch dafür werben, dass wir natürlich mit Hinweisen auf offizielle und wissenschaftliche Quellen reagieren, sofern Menschen „falsche“ Informationen haben und teilen. Dass wir aber auch nicht pauschal in Verurteilungen fallen, wenn Menschen sich irrational verhalten.

Der Vergleich hinkt vielleicht etwas, aber jeder von uns kennt es wahrscheinlich aus der eigenen Erfahrung. Wir sorgen uns ziemlich unbegründet um einen Lieben oder um etwas. Dann erzählen wir es anderen und bekommen nur zu hören: „Was soll das? Du übertreibst. Es gibt doch keinen Grund sich Sorgen zu machen. Du spinnst, mach Dich nicht verrückt.“

Sind die Sorgen dann weg? In der Regel nicht.

Genau das meine ich.

Wie gehe ich damit um?

Ich werde jetzt versuchen jedesmal, wenn ich den Begriff Social Distancing lese, mir zu überlegen, ob und wie ich jemandem helfen kann. Ich nutze das Wort als Trigger, etwas Gutes zu tun und dankbar dafür zu sein, dass es mir gut geht.
Wenn ich dann, so selten wie das sein wird, mit anderen Menschen in der Öffentlichkeit zu tun habe (Z.B. bei notwendigen Einkäufen), lächle ich und strahle Freundlichkeit aus. Ganz bewusst.

Lasst uns auch öfter das Telefon in die Hand nehmen. Nicht, um alle 30min zu schauen, wieviele Infektionen jetzt in Deutschland bestätigt sind, oder stundenlang den facebook oder instagram Feed zu scrollen. Man kann mit den Dingern telefonieren. Jemanden anrufen und fragen, wie es ihm geht, ob er oder sie Hilfe braucht und so trotz Distanz etwas Nähe aufbauen. Und ja, Nachrichten schreiben oder Voicemessages gehen auch.

Ich wünsche uns allen, dass wir als Gesellschaft gemeinsam gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

 

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